Bilder aus der Berichterstattung der Mittelbadischen Presse vom 25.11.2006, Claudia Ramsteiner.

"Fundiertes Geschichtsbewusstsein über die Zeit des III. Reiches, auch in Hausach. Dafür treten wir ein".

Manfred Schoch, Sprecher der Gruppe "Wider das Vergessen"

"Im Namen unserer Gruppe "Wider das Vergessen" in Hausach, die sich seit Jahren um die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in unserer Gemeinde bemüht, und Herrn Erber, der die Details der Luftangriffe und das Schicksal der Piloten und der Besatzungen in unserer Region seit Jahren akribisch recherchiert, darf ich Sie herzlich zu dieser denkwürdigen Stunde willkommen heißen.

Besonders begrüßen darf ich Sie, die ehemaligen Flakhelfer der Heimatflak-batterie 46/Vil., Sie haben in der Zeit vom 23. Dez. 1944 bis zum 4. April 1945 Ihr Leben guten Glaubens für ein menschenverachtendes System eingesetzt. Durch Ihre Anwesenheit unterstreichen Sie eindrucksvoll, welche Bedeutung der heutige Tag für Sie hat und welche Verpflichtung hieraus für uns entsteht.

Ich begrüße Sie, Herr Bürgermeister Wöhrle, verbunden mit dem Dank für die Bereitschaft der Stadt Hausach hinsichtlich des Platzes sowie der Kostenübernahme und dem Aufstellen der Gedenktafel. Ich freue mich über die Anwesenheit des Vorsitzenden des Historischen Vereins Hausach, Herrn Bernd Schmid.

Obwohl der II. Weltkrieg auch in Ihrer Familie tiefe Wunden hinterlassen hat, darf ich mich, sehr geehrte Frau Streit, gerade deshalb ganz herzlich für Ihr Kommen bedanken. Ein persönlicher Kontakt zu den ehemaligen Flakhelfern ist Grund, dass Sie bei uns sind. Begrüßen darf ich auch Fr. Ramsteiner vom Offenburger Tageblatt und Herrn Kempf vom Schwarzwälder Boten. Beide Zeitungen begleiten unsere Arbeit vorbildlich. Herzlichen Dank!
Die Vermutung, dass es sich bei dem Abschuss um einen amerikanischen Soldaten handelt, bestätigt sich.

Lt Albert W. Pines, geboren am 14. August 1923 in New York, wird am 2. Febr. 1945 gegen 9.00 Uhr von der mittleren Heimatflakbatterie 461V!! abgeschossen. Die Maschine, eine Thunderbolt, explodiert in der Luft und schlägt neben den Bahngleisen ein. Knapp ein Jahr nach seinem Kriegseintritt - er fliegt Angriffe in Afrika, Italien, Südfrankreich und Süddeutschland - trauern in der Heimat Ehefrau, Mutter und Bruder.
Aus den Schriftstücken, die Hr. Erber von der amerikanischen Zentralstelle, der „US Army Human Recources", aus Alexandria, Virginia erhielt, ist aus dem Protokoll von Cölestin Schmider, dem langjährigen Hausacher Leichenschauer und Totengräber die damaligen Ereignisse zu entnehmen.

Aus dem vielseitigen, detaillierten Untersuchungsreport der US-Air-Force ist die exakte Grablage - alter Friedhof letzte Grabstelle rechts am Mittelweg Richtung Süden - sowie die Kreuzinschrift zu entnehmen. „Hier wurde ein unbekannter amerikanischer Flieger beigesetzt, Absturz 2. Feb. 45, beerdigt 3. Feb. 45"....

Am 18. Juli 1946 wurde Albert Pines auf den Militärfriedhof nach St. Avolt/Frankreich überführt, bevor er 1948 in seiner Heimatstadt New York seine letzte Ruhestätte fand.

Dies ist nicht das einzige Schicksal, das uns aus dem umfangreichen Archiv von Hr. Erber bzgl. Hausach bekannt ist. Nur wenige hundert Meter von der Absturzstelle entfernt schlug am 20. März 1945 die Mustang des französischen Piloten Labadie von heftigem Flakfeuer getroffen in den Wald. Er selbst konnte sich mit dem Fallschirm retten und wurde von den Angehörigen des 85. Flak-Bataillons unter dem Kommando von Hauptmann Leese gefangen genommen....

Auf dem Transport in ein bayrisches Kriegsgefangenlager konnte Labadie flüchten und erreichte am 23. April wieder sein Geschwader. Dies ist jedoch nur die eine Seite, an die die Gedenktafel zukünftig den Betrachter erinnern möchte.

Auf der anderen Seite stehen Sie, die ehemaligen Flakhelfer. Die untrennbare Schicksalsgemeinschaft, die Sie mit dem Lt. Pines verbindet, ist auf dem Auszug der Punkteliste des Luftwaffen-Ober-Helfer Fritz Grafmüller dokumentiert, die für die Verleihung des Flieger-Kampfabzeichens bestimmt war. Ihm wird unter anderen am 02.02.1945 der Abschuss der Thunderbolt bei Hausach mit 2 Punkten bescheinigt.

Bei Ihrer Spurensuche im Jahre 1999 in Hausach galt Ihr erster Weg dem Hausacher Friedhof, auf dem nicht nur Ihr ehemaliger Feind Pines für kurze Zeit seine Ruhestätte fand, wovon Sie möglicherweise damals noch nichts wussten, sondern auch Ihr Freund Robert Fritz, der knapp 17-jährig, am 13. Febr. 45 wenige Tage nach Albert Pines sein Leben verlor, bevor es richtig begonnen hatte.
Aus dem damaligen Bericht über diese Reise in die Vergangenheit lese ich:

„Im Tode sind alle gleich."
von Arnold Frey, Flakhelfer in Hausach

„Hoffnungsvoll am Beginn des Lebens, Noch Knospen am Lebensbaum,
Wurden wir gerufen.
Euch, Freiburg und Hausach, zu beschützen.
Als Freiburg versank in jener Nacht, Drei von uns versanken mit.
Der Schneider, Demmer und Hessel.
Kein Erblühen, keine Furcht, das höchste Opfer dargebracht.
In Hausach kamen Tag für Tag
Die Jabos mit Bomben und Beschuss, der Tod umgab uns junge Menschen Und nahm den Kameraden Fritz.
Kein Erblühen, keine Furcht, das höchste Opfer dargebracht.
In unseren Herzen leben sie,
Unvergessen, so wie sie waren,
Der Schneider, Demmer, Bessel und Fritz.

Ein mörderischer, ja vorsätzlich inszinierter Krieg und eine von den Großmächten beschwichtigende Politik sorgten dafür, dass sich die Wege völlig fremder Menschen kreuzten, sich zu einem kompromisslosen „Du oder ich" steigerten, „Für Führer, Volk und Vaterland", was für eine Täuschung der Menschen", so aus demselben Schreiben aus dem Jahr 1999 an die Klassenkameraden der Jahrgänge 1927/28 der RotteckOberrealschule Freiburg, die Sie eben heute bei uns sind.

Herr Erber hat mit seinem Hobby, die Luftkämpfe, die Bombardierungen, die Abschüsse, das Schicksal der Piloten und Besatzungen nahezu lückenlos zu dokumentieren, nicht nur diese Kriegsseite für die Zukunft festgehalten, sondern hat mit seinen Recherchen auch dafür gesorgt, dass zwischen den ehemaligen Kriegsgegnern persönliche Kontakte geknüpft werden konnten.

Ein wichtiger Beitrag der Nachkriegsgeneration zur Bewältigung der dunklen Vergangenheit und eine Hilfe zur persönlichen Bewältung der Betroffenen.

So verstehen wir Ihr Hiersein zur Übergabe der "Gedanktafel am Tannenwald" an die Offentlichkeit als Zeichen der Versöhnung über alle Grenzen hinweg, als mahnendes Bekenntnis zur Humanität und der Forderung für das aktive Eintreten für Recht und Freiheit.

In Zeiten, in denen der Rechtsradikalismus nicht nur an den politischen Rändern Fuß zu fassen scheint, reicht ein Rufen nach dem Staat nicht aus. Jeder ist ohne Wenn und Aber gefordert.


Voraussetzung für ein solches Verhalten ist jedoch ein fundiertes Geschichtsbewusstsein - so auch in unserer Gemeinde, gerade über diese Zeit des III. Reiches. Wir werden auch weiterhin diese Notwendigkeit nicht aus den Augen verlieren.


Wir hoffen, dass dieses Geschichtsdokument an der Nahtstelle zwischen der Ruhe der Natur einerseits und der Lebensfreude auf den Sportstätten andererseits zu einem mahnenden Zeugnis wird."

 

 

Aus der Rede des Sprechers der Gruppe "Wider das Vergessen", Herrn Manfred Schoch,  anlässlich  der Übergabe der Gedenktafel am Tannenwald.