1. Hausacher Schwimmbad auf der Insel

Pflege und Betrieb des Gewerbekanals in der Nachkriegszeit

Nachhaltiger Energieversorger mit Naturschwimmbad

Der Kanal, der Hausach durchfließt, hatte in der Vergangenheit nicht nur badenden Kindern Freude bereitet, sondern wurde in erster Linie von drei örtlichen Betrieben als Energiequelle Wasserkraft genutzt.

Die Firma Mannesmann und die Stadtmühle betrieben Wasserturbinen zur Stromerzeugung, eine Drechslerei nutzte die Fließkraft direkt als Maschinenantrieb.

Das Gewässer machte im Sommer wenig Probleme, die Wassermenge konnte durch die Stellfalle beim oberen Einfluss am Kinzig-Deich reguliert werden, wenn nach Starkregen und Gewittern der Pegel stieg.

Diese Aufgabe bzw. Kontrolle lag bei der Elektro-Abteilung der Firma Mannesmann, die für den reibungslosen Betrieb der Wasserturbine verantwortlich war, deren Strom teilweise auch in das städtische Netz eingespeist wurde.

Die Turbineninspektion und die Pflege der Kanalufer fand üblicherweise im Sommer statt. Dabei wurden die 80 – 100 Zentimeter hohen Uferwände mit Faschinen neu befestigt an den Stellen, wo das Wasser Buchten aus der Uferwand geschwemmt hatte.

Parallel zum Kanal führte die Naturstraße zum Schwimmbad, deren Ränder durchgehend so befestigt waren; der Hauptgrund war, dass bei befestigten Ufern die Fließgeschwindigkeit des Bachs erhalten wurde zum Turbinenantrieb oder die Straße nicht in den Bach absackte.

Ein paar Wochen vor dem Kanalabschlag bzw. der Ausbesserung wurde ein kleiner Trupp Arbeiter an die Bäche der umliegenden Täler geschickt, um „Faschinenwellen“ zu machen.

Sie sägten 3-4 Meter lange Gerten und Stangen des Bachgehölzes ab und bündelten sie zu „Wellen“ für den Transport. Hauptsächlich Haselnuss und Schwarzerlen von 2 – 4 cm Dicke waren ideales biegbares Material.

Die Reparatur bestand darin, dass zuerst Pfähle im Abstand von 1 bis 2 Meter längs der Ufer eingeschlagen wurden und danach die Faschinengerten wie beim Korbflechten wellenförmig um die Pfosten geflochten wurden.

Es waren immer nur Teilstrecken des Kanals durch Eisgang beschädigt; die Arbeit war bei den selbstständig agierenden Gruppen beliebt.

Die zweite Aktion des Jahres fand nur in strengen Wintern statt, wenn das Eis „am Dicht“, wie die Stellfalle am Beginn des Kanals genannt wurde, den Durchfluss zu blockieren drohte oder das Schleusentor am Wehr festgefroren war.

Die Betriebselektriker, die den schweren Kurbelschlüssel für das vertikal verstellbare Wehr in Verwahrung hatten, mit dem der Durchfluss reguliert wurde, und drei Betriebsmaurer mit ihrem üblichen Werkzeug waren im Einsatz, wenn das Eis 10 cm dick gefroren war und der Wassereinfluss frei gehalten werden musste. Man versuchte, die gestauten Eisplatten in die Kinzig abzuschieben; konnte die Blockade nicht manuell geräumt werden, weil die Platten zu hoch aufgetürmt waren, dann trat der Sprengmeister in Aktion.

Manchmal rutschte einer der Akteure über die Eiskante ins Wasser, wurde weiter unten herausgefischt und in die zwei Quadratmeter große Wellblech-Aufwärmhütte gebracht, wo während der Arbeit immer ein Feuer brannte zum Aufwärmen und Kleidertrocknen; angeschwemmtes Holz gab es genug im Umkreis.

Ging die Eisaktion dem Ende entgegen und das Wehr wurde geöffnet, dann wurden die andern Kanalbenützer im voraus gewarnt, dass in der nächsten halben Stunde der große „Wallau“ bevorstehe, damit sie ihre Schutzrechen vor den Turbinenanlagen vom Eisgang freihielten, bzw. denselben an zwei Stellfallen umleiteten in kleine Seitenkanäle, weil vom „Mühligumpen“ ab der Kanal eine kurze Strecke unterirdisch weiterlief.

Die beim Eisgang verwendeten Werkzeuge waren etwa 4 Meter lang, bestehend aus 6 -8 cm dicken Fichtenstangen, entweder mit einem geraden, eisernen Stichel mit bogenförmigem Haken bewehrt zum Ziehen oder Stoßen der Eisschollen, oder ein zweites Werkzeug zum Losbrechen oder Spalten von großen Schollen, das eine breite, meißelförmige Schneide hatte.

Der kraftaufwändige Einsatz war meistens am selben Tag beendet und endete gelegentlich auf dem Heimweg in einer Wirtschaft.

 

Die Turbinenwärter fanden gelegentlich auch Überraschendes am Rechen, neben ertrunkenen Igeln und ersäuften Katzen einmal eine Wasserleiche. (Suizidfall).

Auch ein tödlicher Unglücksfall ereignete sich, als während einer Trockenlegung ein jugendlicher Werksangehöriger unter den Abflussschacht der Turbine tauchte und in Panik nicht mehr herausfand.

Am oberen Wehr ertrank ein schwimmender Schüler, als er durch den Sog unter die Öffnung der Stellfalle gezogen wurde, aber wegen der zu geringen Höhe des Spalts nicht durchtauchen konnte; ebenso wurde ein bei Hochwassereinsatz tödlich verunglückter Feuerwehrmann dort wiederentdeckt.

Oberhalb der industriellen Nutzer der Kanalstrecke wurde das städtische Naturschwimmbad vom Wasserlauf gespeist. An den Wochenenden war immer guter Besuch zu verzeichnen, vom Bürgermeister mit Familie angefangen bis zur Arztfamilie, dem Fabrikdirektor, den Kurgästen und den sportlichen Hausachern. Man lagerte im Schatten der Birkenbäume und der Maulbeerbüsche, die das Gelände umgaben. Anni M. spielte Akkordeon, der Bademeister drehte sein Radio auf und sang mit beim Sonntagskonzert, wenn er nicht gerade Süßigkeiten oder 15-Pfennig-Eintrittskarten verkaufte.

Im Mannesmann-Betriebsgelände vergnügten sich Lehrlinge nach Feierabend beim Schwimmen, wenn der Arbeitstag lang und heiß war.

Der alte Schuhmacher Oberle schwamm an heißen Tagen abends bei der Kaplanei-Brücke, in langem schwarzen Ganzkörperanzug und immer den Kopf unter Wasser Bach aufwärts.

Im Bereich des Städtchens hatten die jugendlichen Wasserratten eine 200 m lange Strecke zu schwimmen, deren letzte 50 Meter unterirdisch verlief und von Ratten bewohnt war, ein kleines Gruselerlebnis extra.

Die nasse Sause endete immer im "Gumpen" vor dem  Stadtmühle-Turbinenrechen am schwimmenden Diagonalbalken, auf dem gelegentlich ein Dutzend mit Gelächter und Geschrei balancierten, bis der Anwohner „Gumpenschreck“ sie verscheuchte.

 

Das Gewässer diente lange auch als Abwasserkanal, da noch nicht alle Häuser an die Kanalisation angeschlossen waren. Fäkalien und Schlachthausabwässer wurden darin ebenso entsorgt wie auch Wehrmachts-Karabiner und Munition bei Kriegsende. In der Karwoche versuchte man Kinder zu foppen, indem man ihnen weismachte, „wenn es am Karfreitag 12 Uhr läutet, schwimmen Brezeln den Bach herab“.

Nicht jedes wusste nämlich, dass in den 3 Tagen vor Ostern die Glocken der katholischen Kirche schwiegen und statt dessen mit lauten Holzrätschen zum Gottesdienst gerufen wurde.

Anwohner „Forellen-Didi“ hätte noch mehr über den Kanal zu berichten, zum Beispiel über Selbstversorgung in Notzeiten, er war ein Meister im „Forellen greifen“ mit bloßer Hand.

Das Sägewerk an der Stadtgrenze war der letzte Nutzer der Wasserkraft; zahllose Schwarzwaldtannen lagen oberhalb im Wasser, wartend auf die Gattersäge, der malerische Abschnitt bis dahin wurde „Klein-Venedig“ genannt.

 

Text: Lothar Sonntag / Bild: städt. Archiv / Digital. Bernd Schmid