Bürgermeister Gustav Adolf Rist
Bürgermeister Karl Moog
Direktor Franz Rosenthal, "Netter und Jakobi"

Das alte Walzwerk, von der Blütezeit bis zur Zwangsverwaltung
Im Schatten des Nationalsozialismus 

Von der guten Auftragslage des Walzwerkes hatte die Stadt Hausach und die Bahn in gleicher Weise profitiert. Neues geeignetes Personal war erforderlich, eine spürbare Verknappung von Wohnraum führte zur Belebung des Handwerks. In unmittelbarer Nähe des Bahnhofes wurden in der Eichenstraße Mehrfamilienhäuser mit 15 Wohnungen für das Bahnpersonal erstellt, in anderen Bereichen der Stadt, vor allem in der Breitenbachstrasse, bauten die finanziell  besser gestellten Lokführer Häuser nach eigenem Geschmack und Bedarf. Die Stadt hatte vom Haus Fürstenberg 45 Hektar Baugrund erworben. In den Jahren 1921/2 und 1928 wurden für die Walzwerker im vorderen Breitenbach 29 Werkswohnungen erstellt. Der damaligen Zeit entsprechend, wurde die Eigenversorgung nicht vergessen. Im Erdgeschoss befanden sich Wohnzimmer und Küche, im ersten Stock die Schlafräume. Hinter den Häusern war ein Stall mit Geräteschuppen eingerichtet, denn die meisten Bewohner hielten Kleintiere und bepflanzten einen kleinen Garten.
Die städtische Wasserversorgung wurde gebaut und mit den Hochbehältern ausgestattet. Die Hausacher, vor allem die Schüler, freuten sich über das lang ersehnte neue großzügige Schulhaus mit den öffentlichen Badstuben im Kellerbereich. 

Es war die Zeit, in der Hausach spürbar aus dem Schatten der Nachbarorte Haslach und Wolfach heraus getreten war.  Es war eine erste spürbare Hausacher Blütezeit. Gutes Gespür für das Notwendige hatte in dieser Phase der damalige Bürgermeister Gustav Adolf Rist (1903 - 1917), zu dessen Ehre Hausach eine Straße benannte. Es war aber vor allem auch die Zeit des Direktors Franz Rosenthal, der das Walzwerk und damit die in Hausach lebenden Menschen sicher über die wirtschaftlichen Klippen des 1. Weltkrieges und der nachfolgenden Weltwirtschaftskrise geführt hatte.     
In Würdigung der sozialen Einstellung der Firmeneigner wurden die neuen Wohnstraßen der Walzwerker mit Netter- und Jakobistraße benannt. Direktor Franz Rosenthal verstarb im Jahre der Machtergreifung,  1933.  Die Werksleitung hatte er seinem Sohn Alfred übertragen, der bis Kriegsende dieses schwere Amt inne hatte.
 
Noch arbeitete das Walzwerk im Schichtbetrieb. Die Mahlzeiten wurden während der Arbeit eingenommen. Es war die Zeit der "Henkelmänner", der Essgeschirre mit den verschiedenen Böden für Suppe, Fleisch, Kartoffeln oder Nudeln und Gemüse. Die Beschäftigungslage war sehr gut, der Lohn auch. Der erste Weltkrieg brachte zusätzliche Aufträge, denn die Bleche wurden dringend für die Rüstung benötigt. Für manchen Beschäftigten zahlte sich dies aus, wurden doch einige Fachkräfte, wie auch später im zweiten Weltkrieg, "uk" (unabkömmlich) gestellt. So entgingen sie dem Kriegsdienst.

Bürgermeister Karl Moog (1919-1933)(2. Bild v.o.), Nachfolger des erfolgreichen Gustav Adolf Rist, verhielt sich kritisch und distanziert gegenüber der neuen politischen Tonlage der mit zunehmendem Erfolg auch in Hausach agierenden Nazionalsozialisten. Er musste seinen Hut nehmen, weil er anlässlich einer Parteiveranstaltung vom Rathausfenster aus anstelle  des erwarteten Liedes "Die Fahne hoch" "Im schönsten Wiesengrunde" anstimmte, das von der damals verbotenen Pfadfinderschaft St-Georg (DPSG) lautstark vor Hämmerles Laden in der Schlossstraße mitgesungen wurde.
 
Auch für die Eigner der Firma "Wolf, Netter und Jakobi" wurden die Zeiten bedrohlich, denn als jüdische Firma musste mit Enteignung gerechnet werden. So wurde das Unternehmen im Jahre 1938 an den Mannesmannkonzern verkauft. Verhandlungsführer des Mannesmann - Konzerns war Wilhelm Zangen. Der Verkauf des Walzwerkes zog sich nahezu ein Jahr hin. Dann standen die Walzen still. Viele Mitarbeiter wurden umgeschult, der zweite Weltkrieg bahnte sich an, die Werksleitung unter Alfred Rosenthal stellte die Produktpalette auf kriegsnotwendige Güter um. Weitgehend wurde, nach Beschaffung neuer Werkzeuge und Maschinen, für die Rüstungsindustrie gearbeitet.
 
Mit Beginn des zweiten Weltkrieges, die Produktion lief in Hausach auf Hochtouren, wurden die männlichen Arbeiter zum Militärdienst verpflichtet. Wer Glück hatte, wurde, wie im ersten Weltkrieg, "Uk" (unabkömmlich) gestellt. So mussten dann zunächst Frauen in der Produktion aushelfen, später Gefangene und Zwangsarbeiter. Die Produktion wurde derart gesteigert, dass bei Mannesmann bis zu 700 Personen beschäftigt waren. Da das Werk in Bühl geschlossen wurde, kamen damals, soweit sie nicht Soldat waren, die Bühler Mannesmänner nach Hausach. Zum Kriegsbeginn kam Werner Ricklefs als junger Diplom-Ingenieur erstmalig mit dem Auftrag nach Hausach, das Unternehmen in allen Bereichen zu rationalisieren. Nach wenigen Monaten in Hausach wurde er kommissarischer Leiter des Lokomotivwerkes Adlershof-Berlin.  Ricklefs war 1952, nach überstandener Haft im Stasi-Gefängnis Hohen-Schönhausen, wieder im Hausacher Werk und unter Direktor Gustav Rivinius entscheidend am Wiederaufbau des weitgehend zerstörten Mannesmann - Werkes beteiligt.

Wilhelm Selter

Gegen Ende des zweiten Weltkrieges war die Arbeit nicht immer einfach. Ständiger Fliegeralarm; Bombenabwürfe führten zu Beschädigungen der Hallen und Produktionsstätten. Zur Stunde Null sah es im Werk öde aus. Das Werk stand unter Zwangsverwaltung der Franzosen. Maschinen wurden demontiert und abtransportiert. Wilhelm Selter, zuständig für die Werksunterhaltung, was zu seiner "uk-Stellung" im zweiten Weltkrieg führte, wusste, wie die Maschinen in Gang gebracht werden konnten, er wusste auch, wie man sie am Laufen hinderte. So wurde der Abtransport vieler hochwertiger Maschinen, aus Sicht der Besatzer, sabotiert, was der Besatzungsmacht dann doch auffiel. Wilhelm Selter und der damalige Direktor Helmut Schwarzkopf verantworteten sich vor dem französischen Gericht in Freiburg. Schwarzkopf wurde verurteilt. Er hatte die Gesamtverantwortung des Vergehens eingestanden, so dass Wilhelm Selter freigesprochen werden konnte. Schwarzkopf ging später in den Konzern zurück. Pingeon, der französische Zwangsverwalter, schlug für die Neubesetzung des Direktorenamtes Gustav Rivinlus vor, den er kannte und mochte.

Quelle: Helmut Selter
Überarb. und digit. Gestaltung Bernd Schmid
Bilder: Städt. Archiv / Helmut Selter